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Ich träumte ...

... daß eines Tages ein großer amerikanischer Wagen vor meinem Haus im nördlichen Bayern stehen bleiben würde, daß ein Mann austeigen, mich umarmen und mit sich nach Amerika nehmen würde. Trotz dem, daß mich die Kinder der Nachbarschaft auslachten wenn ich immer zähe behauptete "eines Tages wird mein Vater kommen um mich ab zu holen", ich konnte diesen Traum nie loslassen und habe an meine Überzeugung festgehalten.

Eines Tages, als ich circa acht Jahre alt und alleine zu Hause war, durchsuchte ich die Schublade meiner Mutter und fand darinnen eine Zigarrenschachtel mit Bildern meines Vaters und Briefe die meine Mutter and ihn geschrieben hatte. Plötzlich hatte mein "Traum" ein Gesicht und ich fand heraus, daß mein Vater ein Amerikaner war und als Soldat in 1946 in meiner Stadt stationiert war.

Meine Mutter traf ihn als sie im amerikanischen Unteroffiziersklub als Kellnerin arbeitete. Im September 1946 wurde er in die USA zurück gerufen und kurz nachdem sein Schiff abfuhr, entdeckte meine Mutter daß sie schwanger war. Mein Vater hatte meiner Mutter seinen Namen und seine Adresse gegeben und es schien am Anfang daß es leicht wäre ihn zu finden. Aber im Nachkriegswirbel verblieben die Briefe meiner Mutter ohne Antwort.

So wuchs ich in einer Gesellschaft voller Vorurteile auf - ich war ja der Beweis dafür, daß sich meine Mutter mit dem Feind eingelassen hatte. Ich war also eine von Denen und nicht eine der Unsrigen und ich war ein uneheliches Kind.

Als die Jahre vorbei gingen wurde mein Drang stärker als je, dieser Gesellschaft zu entrinnen und meinen Vater zu finden. Ich schrieb and das amerikanische Konsulat und wurde von ihnen an das Heeresministerium weiter geleitet, wo man mir keine Antworten gab, ich schrieb sogar and den damaligen Presidenten Kennedy. Oft ging ich zum Amerika Haus in Nürnberg und durchsuchte dort die amerikanischen Telephonbücher nach dem Namen meines Vaters in Städten entlang der Ostküste weil ich den Verdacht hatte, daß er in jener Gegend zu finden sei. Ich schrieb viele Briefe an die Adressen die ich fand. Von manchen erhielt ich negative Antworten, aber die meisten antworteten garnicht.

In 1965, als ich 18 Jahre alt war, hatte ich genug Geld gespart um nach Amerika zu fliegen. Was für ein Abenteuer für ein Mädel meines damaligen Alters. Ich ging zur Adresse die mein Vater in 1946 meiner Mutter gab, aber niemand kannte ihn dort. Auf einmal wurde ich des Suchens müde und entschloß meinen Traum zu begraben und zu akzeptieren daß mich niemand wollte. Plötzlich war ich sehr böse auf meinen Vater weil er auf die Briefe meiner Mutter nicht reagiert - mich also verleugnet hatte; böse auf meine Mutter die in ihrer Unvorsichtigkeit alle diese Probleme auf meine Schultern geladen hatte, böse auf die Deutschen die mich wie einen Feind betrachteten und ich haßte die Amerikaner weil sie mir nicht helfen wollten. Ich hatte Gefühle wie "wer bin ich denn eigentlich?!" und rutschte in eine Identitätskrise die mich in den kommenden Jahren immer verfolgte.

Im selben Jahr heiratete ich einen Amerikaner (der damals ein Soldat war) und später zogen wir nach Ft. Eustis in Virginia wo wir 1966-67 wohnten. Ich fand dort daß Amerika nicht das Land aus Milch und Honig ist. Ich erlebte die Angst des Vietnam Krieges weil mein Mann ein Soldat war. Die Militärmentalität konnte ich nicht ausstehen und ich haßte das Vorurteil gegen die Schwarzen und Minderheiten und ich konnte es nicht verstehen wieso die Leute so wenig oder garnichts über Europa wußten. Als der Tag kam, daß wir zum Roten Kreuz gehen mußten um $60 zum Leben zu borgen (die Armee zahlte uns für seinen E4 Rang $350 im Monat) da habe ich aufgegeben. Mein Mann verließ das Militär und wir zogen zurück nach Deutschland.

Es klingt eigenartig, daß ich während ich in den Staaten wohnte nie versuchte meinen Vater zu finden und ich kann es mir bis heute selbst nicht erklären, es kann aber sein, daß ich mich vor der Möglichkeit fürchtete, daß er, sollte ich ihn finden, mich nicht willkommen heißen würde. Er muß doch sicher eine Familie haben, Frau und Kinder usw.

Die nächsten 37 Jahre wackelte mein Leben auf einer unebenen Straße. Ich ließ mich scheiden, verlor meinen ältesten Sohn durch ein tragisches Unglück. Es gab Jahre in denen ich nie an meinen Vater dachte. Andere Male leidete ich aber weil ich mich als unvollständig fühlte. Ich machte keine enge Freundschaften weil ich immer Angst hatte Fragen beantworten zu müssen. Da war immer die Angst daß ich mich verraten und blamieren würde.

Mein Beruf führte mich oft nach Amerika und jedes Mal als ich an dessen Ostküste war ging ich durch die Telefonbücher und rief Leute an die seinen Namen hatten, blieb aber immer enttäuscht. Oft sprach ich mit meinem zweiten Mann über meine Gefühle, meine Angst und meine Träume, meinen Zorn und meine Launen. Meine Launen waren eigentlich ein Problem für uns alle, denn während ich beruflich sehr realistisch war, fehlte mir etwas Selbstvertrauen. Man konnte mich nicht kritisieren und wenn mich jemand persönlich beleidigte, hatte er mich zu einem lebenslangen Feind. Es ward zu einem Problem wo mein Mann seine Worte sehr vorsichtig wählen mußte weil er oft erlebte wie ich ohne Grund in Wut geriet, oder mich tagelang niedergeschlagen fühlte. Eines Tages im Mai 2002, nach einem kleinen Anfall von übler Laune, sagte mein Mann zu mir "warum versuchst Du nicht Deinen Vater zu finden - es wäre so wichtig für Dich - geh zum Internet, es gibt dort so viele Möglichkeiten." Er hatte Recht und ich versprach noch einen letzten Versuch zu machen.

Hier und da setzte ich mich and den Komputer und gab Namen und Gegenden ein und suchte Ideen und eines Tages als ich die vormalige Einheit meines Vater's (53rd Constabulary) eingab fand ich die Verbindung zu einem Österreicher, Felix Game, der von den unehelichen Kindern der amerkianschen Soldaten im zweiten Weltkrieg sprach. Mit großem Interesse las ich daß es Tausende gab die in der selben Situation wie ich waren - und ich fühlte mich sofort besser. Weiter lesend sah ich den Namen und die eMail Adresse einer Genealogin Namens Susan Sparks-LeDuc und im Nu entschloß ich mich ihr ein eMail zu senden und in einigen Worten zu erklären was ich brauchte. Ich bekam eine sehr nette Antwort was mich überzeugte, daß diese Person mir helfen könnte.

Nachdem sie Details, Briefe und Bilder erhalten hatte, ging Susan im Herbst 2002 an die Arbeit. Ich ging durch ein Jahr der Erregung und Hoffnung wo jedes eMail von Susan zu einem großen Erlebnis wurde. Ich war aufgeregt und fürchtete mich ein wenig vor dem Endresultat. Susan hat mich gut vorbereitet - ich sollte auf alle Möglichkeiten vorbereitet sein. Mein Vater wäre jetzt 77 Jahre alt und könnte schon tot sein, könnte in schlechtem Zustand sein, könnte sich vielleicht an nichts erinnern, könnte mich ablehnen, usw. Ich dachte ich war auf alles gefaßt, bis ich am 31 Juli 2003 von Susan ein eMail erhielt in dem sie bestätigte, daß sie meinen Vater gefunden hatte.

Ich saß wie versteinert vor dem Komputer - wagte nicht mich zu rühren ... vielleicht würde dieses eMail verschwinden <!> ... ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper und es war das erste Mal daß mich die Angst vor einer Ablehnung überkam weil ich mein Glück garnicht glauben konnte. Sechsundfüfzig Jahre des Wartens und Hoffens und dann meinen Traum verwirklicht sehen? Ich werde Susan für immer dankbar sein, daß sie die Aufgabe übernahm mit meinem Vater in Verbindung zu treten um die Lage aus zu kundschaften. Nachdem die Verbindung gelungen war, schrieb ich ihm einen Langen Brief, stellte mich als seine Tochter vor und kurz nachher rief er mich an einem Samstag Nachmittag an. Was kann ich denn sagen, wir sprachen miteinander als ob wir uns das ganze Leben gekannt hätten. Am 8. Oktober 2003 stieg ich in ein Flugzeug nach Amerika wo ich in die Arme eines wunderbaren Mannes, meines Vaters lief. Ich hatte geträumt und der Traum wurde zur Wirklichkeit. (mit einer Ausnahme: Mein Vater holte mich nicht in einem großen amerikanischen Wagen, sondern in einem Honda ab!).

Ein Jahr ist seither vergangen. Zu Weihnachten war ich wieder in den Vereinigten Staaten, diesmal mit meinem jungen Sohn, der seinen Großvater kennen gelernt hat, ich traf mehr Verwandte, meine zwei Brüder, Onkeln und Tanten. Im Frühjar kam mein Vater auf Besuch nach Griechenland (wo ich jetzt wohne). Wir fuhren nach Deutschland wo ich die Gelegenheit hatte das große Wiedersehen und die rührenden Momente mit zu erleben als sich meine Mutter und mein Vater zum ersten Mal in 57 Jahren wieder sahen.

Ich habe mich entschlossen meine Geschichte zu schreiben damit alle die, die mein Schicksal teilen, die gelitten und gehofft hatten und vielleicht die Hoffnung schon aufgegeben haben daß sie je ihr Ziel erreichen würden, nur nicht die Hoffnung aufgeben - und wenn auch nicht alle so viel Glück haben werden wie ich es hatte, es ist wichtig sich daran zu erinnern, daß es auch Verwandte da draußen gibt, die Euch willkommen heißen und dabei helfen werden Eure Identität zu finden. Und das ist das Allerwichtigste: Man muß wissen wer man ist, man muß seine eigene "andere Hälfte" finden.

Übersetzt aus dem Englischen © Felix G. Game. Die Autorin des Originals hat aus Rücksicht auf ihren Vater ersucht nicht genannt zu werden.

See the English translation  


To Table of Contents changed 1 Aug 2006